Lederhosen Upcycling: So wird die 80 Jahre alte Lederhose wieder tragbar

So wird die alte Lederhose wieder tragbar



Die Qualität einer Lederhose hängt von Material und Fertigung ab. Hosen aus Hirschleder halten oft Jahrzehnte und können ihre Besitzer überleben. Unser Autor Korbinian Bauer hat die 80 Jahre alte Lederhose seines Großvaters reparieren lassen. Die Lederhose, die vor mir liegt, hat definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Ein großer schwarzer Fleck ziert die Rückseite, die Messertasche verbinden nur noch einige Fäden mit der restlichen Hose und auf der Innenseite bröselt das Leder. Außerdem passt sie mir nicht. Aber: Sie soll nicht einfach im Schrank vergammeln. Ich habe sie nämlich von meinem Opa geerbt. Sie ist rund 80 Jahre alt. Kann man sie noch einmal wiesntauglich machen?



Pflege wie für einen Oldtimer



Beantworten soll mir diese Frage Michael Auer. Er betreibt am Samerberg im Chiemgau ein Trachtengeschäft. In seiner Werkstatt repariert er alte Lederhosen. "Man richtet bei so alten Stücken grundsätzlich nur das Nötigste", sagt er. "Da ändert man nicht zu viel. Das wäre schade und das macht man bei einem alten Auto ja auch nicht." Mir soll in Zukunft die Lederhose meines Opas passen. Der hatte aber eine andere Figur. Deshalb soll die Hose zunächst enger gemacht werden. Außerdem gibt es eine dünne und löchrige Stelle, die Michael Auer ausflicken möchte. Mit ein paar neuen Knöpfen sollte mir die Hose dann gut passen.



Nur ein Versuch



Michael Auer trennt die Hosenbeine an den Innennähten mit einem Messer auf. Mit einer Schere schneidet er das überschüssige Leder weg. Zu viel darf er nicht wegschneiden: Ist die Hose einmal zu eng, war es das. Bevor beide Seiten wieder aufeinander geklebt werden, legt er noch eine Lage neues Leder dazwischen. Das sogenannte Passé-Peau-Leder macht die Naht stabil. Dann näht er das geklebte Sandwich aus Innenleder, Passé-Peau-Leder und Außenleder wieder zusammen. Ich bin erleichtert. Das Leder meiner Hose hat diesen Arbeitsschritt ausgehalten. Nicht jede Oldtimer-Lederhose ist noch zu retten, sagt Michael Auer. Entscheidend sei die Dicke des Leders: "Es ist eine Ewigkeitshose, das heißt ja so, aber was ist schon ewig? Irgendwann ist die auch kaputt." Meine Lederhose ist zwar noch nicht ewig alt, aber immerhin rund 80 Jahre hat sie schon auf dem Buckel. Ihr Vorteil: Sie ist aus Hirschleder. Das hält besonders lang. "So eine Lederhose ist das nachhaltigste Kleidungsstück überhaupt", sagt Michael Auer.



Bergsteigen mit Lederhose



Über die Jahrzehnte musste sie einiges mitmachen. Mein Großonkel Paul erinnert sich noch gut daran, wie die Hose bei seinem großen Bruder im Dauereinsatz war: "Wenn er einen Ausflug oder eine Bergtour gemacht hat, hat er sie eigentlich immer angehabt. Nur zum Schluss nicht mehr." Eine echte Alltagshose war die Lederhose ursprünglich. Und gerade spielende Kinder wurden gerne in eine gesteckt, denn das Leder konnte kaum kaputtgehen. "Wir haben die den ganzen Sommer angehabt. Gewaschen ist die, glaube ich, nie geworden", sagt mein Großonkel Paul. Mein Opa war ein gebürtiger Münchener. Eventtrachtlerei oder Wiesn-Folklore wie heutzutage habe es damals noch nicht gegeben, sagt Paul: "Das war früher nicht üblich, dass man in Tracht auf die Wiesn gegangen ist, sondern das kam erst später. Früher hat man eher etwas Minderwertiges angezogen, damit nichts passiert, wenn ein Bier drüber geschüttet wird."



Leben in Lederhosen



Für mich gehört Tracht trotzdem dazu. Schon zu meiner Erstkommunion habe ich eine Lederhose angehabt. Aus der bin ich inzwischen rausgewachsen. In die von meinem Opa muss ich jetzt mit ein wenig Hilfe reinwachsen. In der Werkstatt von Lederhosenexperte Michael Auer werden dafür die letzten Arbeitsschritte in Angriff genommen. Gerade hat er das bröselnde Leder auf der Innenseite der Hose weggeschnitten und klebt frisches und geschmeidiges Leder auf die Stelle. Für Michael Auer sei die Lederhose Arbeitsgewand, sagt er: "Zwischen Ostern und Kirchweih hab ich sie eigentlich jeden Tag an." Das tue auch der Hose gut. Durch regelmäßiges tragen bleibt das Leder geschmeidig und durch Bewegung reiben sich auch Flecken gut wieder ab. Wichtig sei aber vor allem, dass man sie immer gut lüftet, wenn sie durch Schweiß oder eine Bierdusche feucht geworden ist, sagt Auer.



Mit Hammer und Amboss



Volksfeste, Trachtenumzüge, Hochzeiten: Im Sommer war bei Michael Auer viel los. Mit der Wiesn neigt sich die Lederhosensaison auch in seinem Geschäft dem Ende zu. In seiner Gegend ist es durchaus üblich, die Lederhosen über viele, viele Jahre zu tragen. Mit meiner Lederhose ist Michael Auer nun fast fertig. Der Kleber an der neuen Naht und an den ausgebesserten Stellen ist nun ausgehärtet. Mit Hammer und Amboss klopft er noch die Nähte weich. Das neue Leder soll genauso geschmeidig werden wie der Rest der Hose. Dann ist er fertig: Mit rund 80 Jahren auf die Wiesn - dafür ist meine Lederhose jetzt bereit.



Korbinian Bauer/BR/September 2019